Kleine Auszeiten im Pflegealltag

Kleine Auszeiten im Pflegealltag: Was mir wirklich hilft

Vor einiger Zeit habe ich ein Gespräch geführt, das mich bis heute begleitet. Ich arbeite ja auch im psychologisch-systemischen Coaching, und dort hat mir eine Frau, die ihre demente Mutter pflegt, ganz ehrlich von ihrer Situation erzählt, davon, wie es sich anfühlt, wirklich am Ende der eigenen Kraft zu sein. Dieses Gespräch hat mir noch einmal bewusst gemacht, wie viele Menschen in der Betreuung ihrer Eltern oder im Pflegealltag wirklich erschöpft sind, zu Hause genauso wie im Pflegeheim.

Das kenne ich selbst gut. Deshalb wollte ich heute einfach mal meine eigenen Tipps teilen, die Dinge, die mir helfen, wenn mir mit meiner Mutter alles zu viel wird. Für jeden sieht die passende Lösung anders aus, die eine perfekte Lösung für alle gibt es sowieso nicht, aber vielleicht ist der eine oder andere Tipp dabei, der dir auch guttut.

Wenn alles zu viel wird, hilft mir die 5-4-3-2-1-Übung, um zurück in den Moment zu kommen. Ein kurzer Blick umher genügt, fünf Dinge, die sich sehen lassen, dann vier, die sich fühlen lassen, drei, die sich hören lassen, und so weiter. Klingt simpel, holt aber wirklich zurück, wenn die Gedanken kreisen.

Bei echtem Stress hilft vor allem eins: bewusst auf den Atem zu achten. Dafür nutze ich gerne die Handatemübung. Mit einem Finger geht es langsam an der anderen Hand entlang, an jedem Finger hoch einatmen, wieder runter ausatmen. Die Atmung selbst ist es, die runterbringt, nicht die Bewegung drumherum. Das hilft mir wirklich immer wieder aufs Neue.

Auch ein kleiner Entlastungs-Check tut gut. Aufschreiben, was gerade belastet, wer helfen könnte, was warten kann und was heute wirklich passieren muss. Allein das Aufschreiben nimmt schon einen Teil vom Druck.

Manchmal dürfen einfach alle Gedanken raus, ohne sie zu sortieren. Auf ein Blatt geschrieben, wie sie kommen. Am Ende kommt kein Ordnungssystem dabei raus, aber allein dass die Gedanken aus dem Kopf auf das Papier wandern, schafft schon Platz.

Mein persönlicher Favorit ist aber das Malen. Ein bisschen ausmalen, eine einfache Doodle-Pause, das beruhigt nicht nur die Person, die man betreut, sondern auch einen selbst, am meisten von allem. Am liebsten mache ich das gemeinsam mit meiner Mutter oder auch in meiner Rolle als Nachbarschaftsbetreuerin. Man sitzt dann beide da, ganz still, und kommt irgendwie gemeinsam runter.

Was ebenfalls sehr hilft, ist Dankbarkeit. Schon lange führe ich ein Dankbarkeitstagebuch, es liegt auf meinem Nachttisch, und abends oder auch mal zwischendurch kommen ein paar Dinge dazu, für die ich dankbar bin. Gerade in diesem täglichen Rennen zwischen Job und Pflege geht das schnell unter, aber bewusst gemacht zeigt sich, wie viel Halt in den kleinen Dingen steckt.

Auch kleine motivierende Sätze helfen mir. Ein Zettel mit ein paar Worten wie „Ich schaffe schon so viel, das schaffe ich auch“ an einem Platz, wo man öfter vorbeikommt, wirkt manchmal mehr, als man denkt. Klein, einfach, aber immer wieder ein kleiner Schub für den Tag.

Auch Vorlesen tut gut. Einfach hinsetzen und ein Märchen oder eine kurze Geschichte lesen, oft nur fünf oder zehn Minuten, ganz ohne danach darüber zu sprechen. Allein das Lesen selbst bringt zur Ruhe und fühlt sich an wie eine kurze Pause vom Alltag. Schön ist auch, dass das Gegenüber dabei genauso zur Ruhe kommt.

Aus meiner Zeit in Indien mit Ayurveda habe ich eine Sache mitgenommen, die vielleicht ungewöhnlich klingt, aber wirklich wirkt: eine Fußmassage mit warmem Sesamöl, kurz bevor es ins Bett geht. Diese Wärme, dieses langsame Einreiben, danach schläft es sich einfach besser und die Ruhe kommt viel leichter.

Zum Thema Verstehen gehört für mich auch, was ich über Validierung gelernt habe. Lange Zeit habe ich versucht, Dinge richtigzustellen oder zu korrigieren. Durch Naomi Feils Buch ist mir viel klarer geworden, worum es bei Validierung eigentlich geht: nicht mehr gegen etwas ankämpfen oder korrigieren, sondern schauen, welches Gefühl dahintersteckt, und genau danach fragen. Das hat für mich im Umgang mit meiner Mutter wirklich etwas verändert.

Und zum Schluss noch etwas, das mir zuletzt richtig viel gegeben hat: kreatives Tanzen. Musik an, gerne etwas lauter als sonst, und einfach bewegen. Erstaunlich, wie genau der Körper weiß, wo der Stress sitzt, die Schultern bewegen sich anders, wenn Verspannung da ist. Das absolute Lieblingslied dafür ist „I Am What I Am“ von Gloria Gaynor. Zehn Minuten loslassen, alles rausschütteln, das tut unglaublich gut.

Und dann ist da noch Meditation. Am liebsten höre ich geführte Meditationen von Anika Henkelmann auf YouTube. Ihre Stimme ist so angenehm ruhig und echt, ganz ohne Kunstpause und Effekthascherei, einfach ehrlich und beruhigend. Wer mag, schaut gerne mal auf ihrem Kanal vorbei: Anika Henkelmann Meditationen

Das sind meine kleinen Auszeiten. Manche brauchen zwei Minuten, manche zehn. Keine davon braucht viel Vorbereitung oder besonderes Material.

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