Die eigene Stimme begleitet einen Menschen oft ein Leben lang. Sie ist vertraut, körpernah und eng mit Gefühlen verbunden. Bei Menschen mit Demenz kann gemeinsames Singen oder leises Summen genau dort ansetzen, wo Sprache zunehmend schwerfällt. Melodien, Rhythmen und bekannte Liedzeilen bleiben häufig länger erhalten als frei gesprochene Worte. Musik spricht andere Bereiche des Gehirns an und erreicht emotionale Ebenen, die über das reine Erinnern hinausgehen.
In der Begleitung von Menschen mit Demenz entstehen durch das Singen oft besondere Momente. Die Stimme aktiviert den Atem, fördert die Körperwahrnehmung und bringt innere Bewegung in Gang. Viele Betreuungspersonen erleben, dass sich Gesichtsausdruck, Haltung oder Blickkontakt verändern, sobald ein bekanntes Lied erklingt. Auch leises Mitsummen oder rhythmisches Klopfen sind Formen der Teilnahme und Ausdruck von Verbundenheit.
Singen wirkt dabei nicht leistungsorientiert. Es geht nicht um richtig oder falsch, um Textsicherheit oder Tonlage. Entscheidend ist das gemeinsame Erleben. Gerade diese Offenheit macht das Singen in der Seniorenarbeit so wertvoll. Es schafft Nähe, Struktur und ein Gefühl von Dazugehörigkeit, ohne etwas zu verlangen.
Für die Praxis eignen sich vor allem Lieder aus der Jugend- und frühen Erwachsenenzeit der heutigen Seniorinnen und Senioren. Volkslieder, einfache Schlager oder bekannte Kirchenlieder sind häufig tief verankert. Bewährt haben sich unter anderem „Kein schöner Land“, „Hoch auf dem gelben Wagen“, „Der Mond ist aufgegangen“, „Lili Marleen“ oder „Alle Vögel sind schon da“. Auch jahreszeitliche Lieder können Orientierung geben und an vertraute Rituale anknüpfen.
Singen lässt sich auf unterschiedliche Weise in den Alltag integrieren. Manchmal genügt es, eine Melodie anzustimmen, während andere Tätigkeiten stattfinden, etwa beim gemeinsamen Sitzen oder in einer ruhigen Pause. In Gruppen kann ein Lied den Anfang oder Abschluss eines Treffens markieren. Im Einzelkontakt kann leises Summen Nähe herstellen, wenn Gespräche nicht mehr möglich sind. Auch das bewusste Wiederholen eines Refrains oder das Innehalten nach einer Strophe kann Raum für Wahrnehmung öffnen.
Wichtig ist eine ruhige Atmosphäre. Ein langsames Tempo, klare Melodien und Wiederholungen unterstützen das Mitmachen. Instrumente sind kein Muss. Oft trägt die menschliche Stimme allein. Entscheidend ist die innere Haltung: präsent, zugewandt und ohne Erwartung.
Dass Musik und Singen bei Demenz eine unterstützende Wirkung haben können, wird auch fachlich beschrieben. Die Alzheimer Forschung Initiative e. V. stellt auf ihrer Website Informationen zur nicht-medikamentösen Behandlung von Demenz zur Verfügung und erläutert, wie Musik emotionale Stabilität fördern und den Alltag positiv beeinflussen kann: Musik und Singen bei Demenz .
Singen ersetzt keine Therapie. Doch es kann Brücken bauen – zwischen Menschen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Innen- und Außenwelt. Manchmal genügt eine Melodie, um sich wieder verbunden zu fühlen.
Achtung, Ohrwurm! – Lieder raten als musikalische Aktivierung in der Seniorenarbeit
Bekannte Lieder begleiten viele Menschen ein Leben lang. Melodien, Refrains und markante Textzeilen sind oft tief verankert und bleiben auch dann zugänglich, wenn Sprache oder Orientierung nachlassen. In der Arbeit mit Seniorinnen und Senioren – insbesondere bei kognitiven Einschränkungen – kann das gemeinsame Erinnern an Lieder einen niederschwelligen Zugang zu Aktivierung und Begegnung eröffnen.
Das Spielprinzip „Lieder raten“ knüpft genau hier an. Ein Liedanfang, ein bekannter Refrain oder der Name einer Interpretin genügt oft, um innere Bilder, Gefühle oder Gesprächsimpulse auszulösen. Dabei steht nicht das Wissen im Vordergrund, sondern das gemeinsame Erleben. Mitsingen, Mitraten oder leises Summen sind gleichwertige Formen der Teilnahme.
Für die praktische Umsetzung bietet das Musikspiel „Achtung, Ohrwurm!“ eine strukturierte Grundlage. Das digitale PDF enthält Karten mit bekannten Liedanfängen, passenden Titeln und Interpreten. Die Materialien sind übersichtlich gestaltet und lassen sich flexibel einsetzen – im Gruppenkreis ebenso wie im Einzelkontakt.
In der Gruppenarbeit kann das Spiel als gemeinsamer Einstieg dienen oder einen ruhigen Abschluss bilden. Karten können vorgelesen, ausgelegt oder gemeinsam sortiert werden. Häufig entwickeln sich daraus Gespräche über frühere Lebensphasen, Tanzveranstaltungen, Feste oder persönliche Erinnerungen. Auch Zuhören ist eine Form der Beteiligung.
Im Einzelkontakt kann das Spiel unterstützend wirken, wenn Gespräche schwerfallen. Ein vorgelesener Liedanfang oder das gemeinsame Suchen nach einem Refrain kann Nähe herstellen, ohne sprachliche Anforderungen zu stellen. Manche Menschen reagieren mit Gesten, Mimik oder rhythmischen Bewegungen – auch dies sind wertvolle Ausdrucksformen.
Besonders geeignet sind Lieder aus der Jugend- und frühen Erwachsenenzeit der heutigen Seniorinnen und Senioren. Schlager, Volkslieder und bekannte Evergreens bieten Orientierung und Wiedererkennung. Das Spielmaterial schafft dabei einen äußeren Rahmen, der Sicherheit gibt und gleichzeitig Raum für individuelle Reaktionen lässt.
„Achtung, Ohrwurm!“ ist kein Leistungsspiel. Es lädt ein, ohne zu fordern, und unterstützt Betreuungspersonen dabei, Musik bewusst und alltagstauglich einzusetzen. Als Impulsgeber kann es dazu beitragen, Begegnung, Erinnern und gemeinsames Erleben zu ermöglichen – oft mit überraschender Leichtigkeit.
Zum Spiel:
Achtung, Ohrwurm! – Lieder raten und mitsingen (Etsy)
